Frankfurt listed under the top financial centers world-wide
Bad Homburg, 24 Februar 2010
(veröffentlicht in der Börsen-Zeitung am 3. März 2010)
Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise waren international an allen Finanzplätzen extrem. Von New York über London bis zu den asiatischen Märkten spiegelte sich der wirtschaftliche Niedergang in der allgemeinen Konsolidierung wider. Weltweit gingen in der Bankenbranche wegen der Kreditkrise Schätzungen zufolge bislang mindestens 160 000 Arbeitsplätze verloren. Die Finanzhäuser verbuchten zusammen Abschreibungen und Wertverluste von mehr als 700 Mrd. Dollar. Ein Vorgang von bislang einmaliger Dimension.
Auch wenn der Zenit überschritten scheint, wissen Experten, dass die Krise noch nicht wirklich vorüber ist. Keiner kann die Auswirkungen der milliardenschweren Wertpapierportfolios bewerten, die noch in den Büchern zahlreicher Banken und Finanzdienstleister stecken. Dazu kommen noch die volkswirtschaftlichen Belastungen vieler Länder – und als sei es nicht genug, treten erste europäische Staaten auf den Plan, die ihre gigantische Verschuldung ohne externe Hilfe nicht mehr in den Griff bekommen.
Was dies mit dem Finanzplatz Frankfurt zu tun hat, liegt auf der Hand. Mit seinen rd. 300 Banken inkl. 160 Auslandsbanken ist Frankfurt das kontinentaleuropäische Zentrum für die Finanz- und Kapitalmärkte. Gerät ein weltweit bedeutendes Unternehmen oder eine Regierung in finanzielle Schwierigkeiten, sind davon auch meist eine Mehrzahl von Banken betroffen, die auch am Finanzplatz Frankfurt ihren Standort haben. Aber im internationalen Vergleich steht der Finanzplatz Frankfurt noch gut da. Alleine die Zahl der verloren gegangenen Arbeitsplätz zeigt, dass Frankfurt vergleichsweise stabil geblieben ist.
Führungskräfte, Produkt- oder Sektorexperten werden hier viel länger gehalten als an anderen Standorten. Die Rekrutierung auf dem Finanzmarkt in Deutschland ist oftmals viel präziser und somit nachhaltiger als anderswo. Dadurch werden einerseits Massen-Freisetzungen und gleichzeitig reaktionäre Mengennachfragen vermieden.
Aber selbstverständlich ist die Krise auch an Frankfurts Finanzwirtschaft nicht spurlos vorbei gegangen. Jedoch fielen die Auswirkungen für den Gesamtwirtschaftsraum Frankfurt und Rhein-Main im internationalen Vergleich relativ gering aus. Ausgerechnet die früher oftmals zitierten Schwächen des Finanzplatzes Frankfurt erwiesen sich dabei nun als wertvoller Vorteil.
Im Vergleich zu anderen internationalen Finanzplätzen ist der Arbeitsmarkt in Frankfurt weniger volatil und zyklisch als beispielsweise der von London. Das klassische Kreditgeschäft der Frankfurter Banken spielt hier außerdem eine größere Rolle als beispielsweise Verbriefungen. Auch erwies sich das Universalbankensystem als weniger anfällig für konjunkturelle Schwankungen als das vorherrschende Investmentbankenmodell in Großbritannien. Nicht zuletzt war auch die Boni-Diskussion bei weitem nicht so ausgeprägt wie an anderen Finanzplätzen und hat damit das Ansehen der Banken und Banker weniger stark beschädigt.
Vor allem ist die Personalpolitik in angelsächsischen Finanzwelten eine andere als in Deutschland. Bei ersten Anzeichen einer Verschlechterung der Marktsituation werden dort viel schneller Mitarbeiter freigesetzt.
Frankfurt hingegen, oftmals aufgrund seiner langen Reaktionszeit in dieser Hinsicht als „langweilig“ beschrieben, kann diese Umstände als Vorteil nutzen.Der Finanzplatz Frankfurt war schon immer mehr auf eine langfristige Attraktivität ausgerichtet. Diesen Faktor darf man gerade jetzt, in Zeiten einer Konsolidierung der Finanzplätze, nicht aus den Augen verlieren. Innerdeutsch hat die Krise den Finanzplatz Frankfurt schon gestärkt. Die Politik hat ebenfalls die Attraktivität für Frankfurt als internationalen Finanzschauplatz untermauert. Anders als in Paris oder London, wo eine massive Abwanderung großer Finanzinstitute durch Regierungsbeschlüsse zur Regulierung der Finanzmärkte befürchtet wird, ist dies bislang in Frankfurt kein Thema. Die Nähe zu regulierenden Institutionen wie der Europäischen Zentralbank ist daher auch ein ausschlaggebender Standortfaktor für viele ausländische Banken. Auch der verlässliche Rechtsrahmen, die erstklassige Infrastruktur und das relativ hohe Geschäftspotenzial, sind vor allem für die ca. 160 ausländischen Banken Gründe in Frankfurt Niederlassungen zu betreiben.
Studien haben gezeigt, dass Frankfurt nicht nur relativ stabil aus der Krise hervorgegangen ist, sondern auch im Vergleich zu den Spitzenreitern unter den globalen Finanzplätzen weniger stark von den Folgen der Krise in Mitleidenschaft gezogen wurde. Laut dem Global Financial Centers Index (GFCI) ist Frankfurt als einer der wenigen Standorte relativ stabil aus der Krise hervorgegangen. Frankfurt konnte sogar seine Punktzahl im Vergleich zu Spitzenreitern wie London oder New York stärker steigern und liegt international nun auf Platz 12. Dass die Krise, anders als bei konkurrierenden Finanzplätzen, nicht einen so großen negativen Effekt auf Frankfurts Finanzwelt und das wirtschaftliche Umfeld hatte, muss nun als Vorteil genutzt werden.
Als Sitz der Europäischen Zentralbank und der Deutschen Bundesbank ist Frankfurt geld- und währungspolitisch ohnehin von international herausragender Bedeutung. Dieses Kapital muss für den Finanzplatz genutzt werden. Selbstverständlich kann man nicht erwarten in den nächsten Jahren London den Rang als europäischen Finanzplatz Nummer 1 streitig zu machen. Jedoch muss Frankfurt sich als „Tor zur Volkswirtschaft“ Kontinental-Europas positionieren, um beim Wettbewerb der internationalen Finanz- und Börsenplätze nicht ins Hintertreffen zu geraten. Dabei hat die Krise gezeigt, dass dieser Wettbewerb nicht nur nach Westen Richtung London, Paris oder New York ausgerichtet ist. Mit Erstarken der asiatischen Märkte befindet sich Frankfurt nun in einem globalen 360° Wettbewerb. Hong Kong, Singapur oder Shanghai sind zu direkten Konkurrenten um Unternehmen, Finanz- und Kapitalmarkttransaktionen und Talente in der Finanzwirtschaft geworden. Frankfurt darf jetzt nicht den Anschluss zu Shenzhen, Tokio oder Sydney verlieren, die sich als Finanzstandorte überdurchschnittlich entwickelt haben. Finanzplätze wie Shenzen, Tokio oder Sydney haben Frankfurt in der Rangliste der Weltfinanzzentren sogar überholt.
Aber jede Marktkontraktion – und die aktuelle Finanzkrise hat eine enorme Kontraktion ausgelöst - birgt immense Chancen für die einzelnen Wettbewerber sich neu zu positionieren. Dies gilt auch für die internationalen Finanzplätze und ihre dort ansässigen Player.
Besonders das vergleichsweise große Vertrauen in den Finanzplatz Frankfurt und seine Solidität, das hohe Ansehen von „Kapitalmarkt-Marken“ wie DAX, M-DAX oder dem Tech-DAX und natürlich die rd. 300 Banken vor Ort bieten Anziehungskraft für die internationalen Kapitalströme und das Bankengeschäft.
Aber Banking war, ist und bleibt ein „Peoples Business“. Wer also eine führende Rolle im internationale Finanz- und Kapitalmarktgeschäft einnehmen will, darf es nicht versäumen die besten Führungskräfte, Strategen,
Manager und Talente an sich zu binden. Hier müssen der Finanzplatz und seine Akteure gezielt und aggressiv investieren und Chancen, die der globale Wettbewerb aktuell bietet, nutzen. Gerade in der momentanen Recovery-Phase und der leichten Aufwärtsbewegung am Markt wird derjenige Marktteilnehmer mittel- und langfristig das Rennen machen, dem es gelingt jetzt das richtige Personal an sich zu binden. Dies meint
erfahrene Strategen, welche aus heutiger Perspektive ertragreiche Geschäftsfelder identifizieren und die Unternehmen darauf ausrichten können. Es braucht sogenannte „Rainmaker“, die bereits in relativ kurzer Zeit neue Marktanteile generieren können, sowie talentierte Kapitalmarktexperten, welche die relevanten Produkte, Kundengruppen und Regionen im internationalen Geschäft abdecken können.
Frankfurt und seine Banken können aufgrund ihrer Vergangenheit als Finanzstandort ein großes Selbstbewusstsein an den Tag legen. Die große Zahl an ausländischen Banken, die hier agieren, zeigt die internationale Attraktivität Frankfurts. Mit diesem Selbstbewusstsein müssen Politik, die Aufsichtsbehörden und die Markt-Akteure ein mutiges Ziel für Frankfurt als international hoch angesiedelten internationalen Finanzplatz formulieren. Sich automatisch auf einen historisch bedingten hinteren Rang im internationalen Vergleich einzuordnen und dort versuchen zu halten, ist jetzt und heute der falsche Weg. Mit der Konsolidierung haben der Finanzplatz Frankfurt und seine Akteure alle Chancen in der Hand jetzt neue Unternehmen, Banken und Finanzdienstleister von außen für sich zu gewinnen und seine internationale Marktstellung weiter auszubauen.