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Gegen die Rendite zieht die Moral den Kürzeren

Die Eigenschaften des Ehrbaren Kaufmanns gelten zwar noch immer als Ideal – sie werden aber selten umgesetzt

FRANKFURT, 18. Oktober.
Die Renditeerwartung der Anleger vertreibt den Ehrbaren Kaufmann aus den Vorstandsetagen. Das ist das Ergebnis einer Studie der Personalberatung Boyden Executive Search und des Instituts für Unternehmensethik der European Business School. In Tiefeninterviews sind 30 Mitglieder aus Vorständen und Geschäftsführungen über die Rolle des Ehrbaren Kaufmanns befragt worden.

Der Ehrbare Kaufmann gilt den meisten Managern durchaus als Vorbild, ja als Ideal. Sie waren sich in den Interviews auch meist einig, was unter dem Ehrbaren Kaufmann zu verstehen ist: eine Persönlichkeit, die ihre humanistische Grundbildung durch eine solide kaufmännische Ausbildung ergänzt hat und vor allem wichtige Charaktereigenschaften besitzt: Redlichkeit, Sparsamkeit, Weitblick, Ehrlichkeit, Mäßigkeit, Schweigen, Ordnung, Entschlossenheit, Genügsamkeit, Fleiß, Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Mäßigung, Reinlichkeit, Gemütsruhe und Demut. Im Ehrbaren Kaufmann sind Wirtschaft und Ethik zu einer Einheit verschmolzen, mit dem Ziel, erfolgreich zu wirtschaften, für sich, das Unternehmen und die Umwelt Werte zu schaffen. Der Ehrbare Kaufmann ist sich auch der gesellschaftlichen Folgen seines Tuns bewusst, beachtet die Auswirkung auf die Umwelt und zeigt sich politisch interessiert und engagiert.

Elemente des Ehrbaren Kaufmanns haben nach der Befragung zwei Drittel aller Unternehmen in ihren Leitbildern, Führungsgrundsätzen oder Verhaltenskodizes auch schriftlich festgehalten. Aber so richtig überzeugt sind sie offenbar davon nicht. Nur 57 Prozent kommunizieren diese schriftlich fixierten Grundsätze aktiv im Unternehmen. Die anderen schreiben sie auf – und lassen sie in einer Schublade verschwinden.

Als Grund belagen die meisten Manager, dass die Eigenschaften des Ehrbaren Kaufmanns in der Regel langfristig angelegt sind, der Manager aber heute kurzfristig Erfolg haben müsse. In konkreten Zielvereinbarungen stehen quantitative Ziele wie Quartals- oder Jahresergebnisse. „Trotz der großen Wertschätzung der Tugenden spielen Attribute der Ehrbarkeit in den strukturierten Unternehmensprozessen, wenn überhaupt, eine untergeordnete Rolle“, schreiben die Autoren in der Auswertung der Befragung.

Häufig geben die Manager an, dass sie im Beruf wenig Rücksicht auf die Einhaltung der Tugenden des Ehrbaren Kaufmanns nehmen können. „Das vom Eigentümer oder den Aufsichtsgremien geforderte leistungs- und erfolgsorientierte Handeln lässt der oberen Hierarchie-Ebene folglich wenig bis gar keinen Spielraum, die ehrbaren Tugenden umzusetzen, geschweige denn sie vorzuleben“, beklagen die Autoren.

Das kontrastiert nach Aussage der Autoren mit der Erwartung, dass Manager andererseits vorbildliches Verhalten zeigen und aktiv vorleben sollen. Als Maßnahme schlagen die vor, sowohl bei der Einstellung als auch bei der Beurteilung von Mitarbeitern Tugenden des Ehrbaren Kaufmanns zu definieren und zu berücksichtigen. Die Werteorientierung müsse stärker thematisiert werden. Allerdings müsse man auch dafür Sorge tragen, dass nicht nur Ertragsgrößen, sondern auch ehrbares Verhalten Anerkennung im Unternehmen findet. „Der finanzielle Erfolg darf nicht allein im Vordergrund stehen, sondern auch die Art und Weise, wie er erwirtschaftet wird, muss Beachtung finden.“

Die Autoren machen aber auch darauf aufmerksam, dass man auf diesem Weg nur erfolgreich sein werde, wenn die Eigenschaften des Ehrbaren Kaufmanns allgemein akzeptiert würden. Diese Eigenschaften müssten in der Familie anerzogen, in der Schule vermittelt und von Staat und Gesellschaft honoriert werden.


Lesen Sie die Studie hier.